“Dickbäuchige, tätowierte Männer werden wie Helden gefeiert”

Elmar Paulke Beitrag

Kurzinfo Elmar Paulke

Er ist einer der beliebtesten Sportkommentatoren des deutschen Fernsehens. Elmar Paulke lebt seine Leidenschaft zum Sport insbesondere dann am Mikrofon, wenn sich die Sportler beim Tennis oder Darts duellieren. Natürlich hat ein Mann mit diesem hohen Maß an Enthusiasmus auch eine Meinung zu Boris Becker, Olympia im Sommer, Fußball-WM im Winter und noch vielen weiteren Themen. Freut euch auf ein unterhaltsames Interview!

Das Interview

Elmar Paulke mit Mike van Gerwen

Elmar Paulke mit Mike van Gerwen

Norman Habenicht: Hi Elmar! Du bist die deutsche Stimme des Dartsports. Versuche mal, die Faszination dieses Spiels zu beschreiben.

Elmar Paulke: Die Faszination Darts ist ein Mix aus verschiedenen Dingen. Darts ist Präzision, es geht um Millimeter. Alle zwei Minuten fällt dazu eine Entscheidung – so lange dauert bei den Profis ein sogenanntes Leg, brauchen die Topspieler also um 501 Punkte auf Null zu bringen. Darts ist irgendwie auch skurril: dickbäuchige, tätowierte Männer werden wie Helden gefeiert. Echte Typen, die zu ihrer Herkunft aus der Arbeiterklasse stehen. Und dazu natürlich lautstarke Fans, die eine Kombination aus Fußball-Gesängen, Karneval und einer ganzen Menge Irrenhaus leben. Der Profiverband arbeitet bei der Präsentation von Darts bewusst mit Kontrasten. Also, Präzision auf der einen, verrückte, lautstarke Fans auf der anderen Seite. Man sollte ja eigentlich meinen, dass die Spieler bei einer Präzisionssportart Ruhe bräuchten. Bis zu 10.000 Zuschauer kommen am Abend zu großen Darts-Turnieren. Austragungsorte sind häufig historische Gebäude, Opernsäle. Das ist der nächste Kontrast: grölende, verkleidete Dartsverrückte im ehrwürdigen Alexandra Palace von London. Aber genau das fasziniert. Der Jubel für eine 180 ist wie der Torschrei zum entscheidenden Treffer in der 89. Spielminute. Viele Zuschauer, die zum ersten Mal so einen Dartsabend erleben, stehen oft da und können nicht glauben, was da abgeht.

Ich glaube, dass ich dem Tennis-Zuschauer den Spaß dadurch erhöhen kann, indem ich ihm Hintergründe über das Verhalten der Spieler auf dem Platz erkläre.

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Norman Habenicht: Deine eigentliche Kernkompetenz lag vorher immer beim Tennis. Mal abgesehen davon, dass beide Sportarten zu großen Teilen im Kopf entschieden werden, halten sich die Gemeinsamkeiten in Grenzen. Da du beide Sportarten sehr liebst, werde ich dich jetzt auch nicht fragen, welche du lieber kommentierst, sondern welcher Aspekt dir bei der Arbeit jeweils am meisten Spaß macht und worin die größte Herausforderung besteht.

Elmar Paulke: Tennis und Darts haben tatsächlich im mentalen Bereich Gemeinsamkeiten. Das 1 gegen 1. Unter Druck, in wichtigen Momenten zur Stelle sein. Genau dort ist Darts ja auch Sport. Tennis hat viel mehr Aspekte, was Taktik und Technik betreffen, man kann viel mehr analysieren. Ich glaube, dass ich dem Tennis-Zuschauer den Spaß dadurch erhöhen kann, indem ich ihm Hintergründe über das Verhalten der Spieler auf dem Platz erkläre. Darts ist deutlich mehr Unterhaltung. Wir kommentieren es meist zu zweit und es wird viel mehr gelacht. Einerseits leben wir die Stimmung, die der Zuschauer in der Halle sieht auch am Mikrofon, andererseits nehmen wir Darts als Sport natürlich ernst. Es geht nicht nur um viel Geld – Phil Taylor, der erfolgreichste Spieler aller Zeiten, verdient rund zwei Millionen Pfund pro Jahr – es gibt viel zu erzählen über Material, Darts-Geschichte, Anekdoten, Statistiken, etc. Und Darts ist wirklich verrückt, Partien drehen innerhalb von Sekunden.

Norman Habenicht: Ende des vergangenen Jahres erschien dein mittlerweile zweites Buch “Darts. 2014″. Worum geht es in diesem Werk, und wie kam es zu dieser Idee?

Elmar Paulke: Während unserer Live-Übertragungen haben Zuschauer die Möglichkeit, uns Fragen zu stellen. Uns erreichen bis zu 20.000 Fragen am Abend. Irgendwann habe ich gedacht, wo so viele Fragen sind, müssen Antworten her. Und warum nicht in Form eines Buches. Mein erstes Buch “Darts. Die Erde – eine Scheibe.” ist ein Buch, das sich umfangreich mit der Geschichte von Darts und auch Darts in Deutschland beschäftigt. Es gibt so viele wunderbare Anekdoten, gerade auch aus den 80er Jahren, als der Zigaretten- und Alkoholkonsum auf der Bühne noch erlaubt war. Da gab es WM-Halbfinals, bei denen die Spieler betrunken von der Bühne gekippt sind. Die Queen sorgte in England in den 1930er Jahren für einen wahren Darts-Boom als sie das damals größte Darts-Turnier eröffnete, also selber Pfeile schmiss. Darts hat ja in England einen ganz anderen Stellenwert, auch wenn das Spiel ursprünglich aus Frankreich kommt, was viele nicht wissen. Und auch die Entwicklung des Darts-Materials ist spannend. Man hat früher zum Beispiel auf Holzscheiben geworfen, die dann in Wasser eingelegt werden mussten, damit die Löcher, die die Darts verursachten, wieder geschlossen wurden. Es ist zudem ein Buch, dass sehr nah an der Profi-Szene dran ist. “Darts.2014″ ist letztlich ein Taschenkalender, der dir so ziemlich alle Informationen über das Dartsjahr 2014 gibt. Also von sämtlichen Geburtstagen der Profis, Turnier-Infos, SPORT1-Übertragungszeiten bis hin zu Tipps, wo man am besten ab wann Tickets bestellt. Wo muss ich mich anmelden, wenn ich Qualifikationen mitspielen möchte. Auch hier habe ich viele, viele Fragen beantwortet, die mir permanent gestellt werden.

Als er in der Sendung mit verbunden Augen versuchte, einen Stuhl zu finden, und dabei minutenlang herumirrte, empfand ich das sinnbildlich für seine Lebenssituation.

Norman Habenicht: Du hast vor einigen Jahren für das DSF (heute Sport1) eine Dokumentation über Boris Becker gemacht und dafür sogar den Bayerischen Fernsehpreis bekommen. Wie beurteilst du seine jüngere Vergangenheit mit der ausschweifenden Buch-PR und dem Duell gegen Pocher? Mir als glühender Becker-Fan, tat es jedenfalls in der Seele weh, was da so alles passiert ist.

Elmar Paulke mit Raymond van Barneveld

Elmar Paulke mit Raymond van Barneveld

Elmar Paulke: Ganz ehrlich: mir auch. Boris Becker ist ja inzwischen als Trainer von Novak Djokovic wieder auf der Tennistour unterwegs – und das rettet ihm vielleicht das Leben. Das meine ich ganz ernst. Genau dort gehört er hin! Warum er eine zweite Autobiographie innerhalb von zehn Jahren schreibt und dann in dieser Art und Weise über die Mütter seiner Kinder, kann ich nicht nachvollziehen? Da kann eigentlich nur Geld der Beweggrund sein, auch wenn das erstaunlich ist bei einem geschätzten Vermögen von rund 270 Mio Mark am Ende seiner Karriere 1999. Boris Becker hat in den letzten Jahren immer wieder versucht, die Marke Becker neu zu erfinden. Und er hielt Auseinandersetzungen auf Twitter mit Oliver Pocher und dazugehörige TV-Auftritte wie in Pochers Show für gute Wege, sein Buch zu promoten. Ganz interessant: nach Ausstrahlung der Pocher-Sendung hat Becker übrigens kaum noch Bücher verkauft. Als er in der Sendung mit verbunden Augen versuchte, einen Stuhl zu finden, und dabei minutenlang herumirrte, empfand ich das sinnbildlich für seine Lebenssituation. Aber, er ist fündig geworden. Ich hoffe für ihn, dass die Zusammenarbeit mit Djokovic anhält. Es könnte irgendwann zum Problem werden, dass Becker es nicht gewohnt ist in der zweiten Reihe zu sein. Und das muss er. Der Spieler ist in dieser Konstellation die klare 1.

Norman Habenicht: Die deutschen Dartspieler hinken international der Musik hinterher. Wie schätzt du die Chancen ein, dass auch in dieser Sportart mal ein Akteur wie 1985 Boris Becker um die Ecke kommt, und Darts in Deutschland einen noch größeren Boom verschafft?

Elmar Paulke: Darauf hoffen wir alle. Und sollte jemand kommen und ganz vorne mitmischen, würde das der Sportart Darts einen Riesenschub versetzen. Da bin ich mir sehr sicher. Das haben so viele andere Sportarten in Deutschland gezeigt, dass der nationale Held, eine ganz neue Begeisterung entfacht. Was wäre Tennis in Deutschland ohne Becker, Graf und Stich? Was die Formel 1 ohne Schumacher, Boxen ohne Maske und Skispringen ohne Hannawald und Schmidt? Wir merken, dass inzwischen eine neue Generation zu Turnieren kommt, die durch die Fernsehübertragungen für Darts begeistert wurden. Bei über 80 Millionen Einwohner muss doch irgendwo jemand mit Talent und Fleiß sein, oder nicht?! Ich glaube, niemand aus der aktuelle ersten deutschen Garde, wird den Sprung in die Top-10, geschweige denn Top-5 schaffen. Und wenn wir von einem deutschen Helden sprechen, muss das einer sein, der Weltmeisterschaften gewinnen kann. Davon sind wir in der Tat noch ein Stück entfernt.

Eigentlich schade, dass nur ganz wenige Sportler die Chance nutzen, ihren Protest auch mal in Interviews zu verbalisieren.

Norman Habenicht: Die Olympischen Spiele fanden kürzlich bei frühlingshaften Temperaturen in Sotschi statt. Die Fußball-WM 2022 wird voraussichtlich im Winter stattfinden. Wie siehst du als Sportbegeisterter diese Entwicklung?

Elmar Paulke: Das ist eine furchtbare Entwicklung. Ich habe mir in diesem Jahr nicht viel von den Winterspielen in Sotschi angesehen. Das darf man nicht unterstützen. Menschen werden aus ihren Häusern vertrieben, Landschaften beschädigt, teilweise vernichtet. Und Leute wie Putin bekommen die Möglichkeit, solche Events für sich und seine Politik zu nutzen. Eigentlich schade, dass nur ganz wenige Sportler die Chance nutzen, ihren Protest auch mal in Interviews zu verbalisieren.

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