Englische Boulevardmedien machten ihn zum ZDF-Experten

Urs Meier Cover

Kurzinfo Urs Meier

Wer sich mit Fußball beschäftigt, kennt ihn als ehemaligen Weltklasse-Schiedsrichter. Er war es, der unserem Capitano Michael Ballack, im Halbfinale der WM 2002 völlig zurecht die gelbe Karte zeigte, woraufhin dieser im Finale zuschauen musste. In einem sehr interessanten Gespräch hat mir Urs Meier, zwischen seinen Einsätzen an der Copacabana als Experte für das ZDF, ein paar bemerkenswerte Einblicke auf die Sicht eines Schiedsrichters gewährt.

Das Interview

© Markus Prinz Photography

© Markus Prinz Photography

Norman Habenicht: Hallo Herr Meier! Sie sind derzeit bei der Fußball-WM in Brasilien und arbeiten als Experte für das ZDF. Wie gefällt Ihnen das Turnier bisher im Vergleich zu den Endrunden, die sie bisher erleben durften?

Urs Meier: Das ist jetzt die siebte WM, welche ich vor Ort erlebe – doch die erste in Südamerika. Hier spürt man einfach die Begeisterung der Menschen, welche den Fussball im Blut haben. Es ist wieder eine Party, wo Menschen aus der ganzen Welt zusammen kommen, um die schönste Nebensache der Welt zu genießen. Und tatsächlich werden sie mit offensiven und torreichen Spielen belohnt. Ich hoffe, dass dies dann auch in der KO-Phase weitergeht und wir nach dem Finale sagen können: es war eine phantastische Weltmeisterschaft mit einem würdigen Sieger.

Also erstens “klaut” ein Schiedsrichter nicht. Er betrügt auch nicht, sondern er hat ein Spiel zu leiten und zu führen.

Norman Habenicht: A propos WM – in Deutschland fragt man sich heute immer noch, wie das Finale gegen Brasilien wohl ausgegangen wäre, wenn Michael Ballack nicht gelbgesperrt hätte zuschauen müssen. Sie haben ihm damals im Halbfinale gegen Südkorea diese historische Karte – völlig berechtigt – gezeigt. Was verbinden Sie damit? Weiß man als Schiedsrichter schon in dem Moment, dass man einem Spieler das Finale “klaut”? Haben Sie mit Michael Ballack mal darüber geredet?

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Urs Meier: Also erstens “klaut” ein Schiedsrichter nicht. Er betrügt auch nicht, sondern er hat ein Spiel zu leiten und zu führen. Natürlich weiß ein Schiedsrichter vor dem Spiel, welche Spieler gefährdet sind und in der nächsten Runde aussetzen müssten. In solchen Spielen hat man natürlich den Maßstab für eine gelbe Karte generell sehr, sehr hoch angesetzt. Das wussten auch die Spieler und Trainer. Wer aber, wie Michael Ballack dazumal, über diese ominöse Linie geht, muss verwarnt oder ausgeschlossen werden. Das hat Michael Ballack auch gewusst und in all seinen Interviews stets betont, dass die gelbe Karte absolut berechtigt war. Ich habe gerade dieses Jahr mit ihm gesprochen und gemerkt, dass ihn das Ganze natürlich immer noch wurmt.

Norman Habenicht: An welche drei Spiele, in denen Sie selbst Schiedsrichter waren, erinnern Sie sich am liebsten zurück, und warum?

Urs Meier: Also ich war in vier Spielen bei der WM 1998 und 2002 im Einsatz und alle Spiele hatten etwas ganz Spezielles: Der tiefste, emotionalste Moment war sicher vor meinem ersten Spiel am 21. Juni 1998 in Lyon beim Spiel USA – Iran (1:2), als sich die beiden Mannschaften gemischt aufgestellt der Welt zeigten und das Blitzlichtgewitter von über 200 Fotografen los ging. Ich hatte es geschafft – ich war bei einer WM dabei und dann auch noch bei diesem politisch wichtigen Spiel. Dann hatte ich das 1/8-Final Spiel Dänemark – Nigeria (Anm. 4:0), welches der letzte afrikanische Vertreter war. Dann bei der WM 2002 das ebenfalls politisch hochbrisante Spiel Südkorea – USA (Anm. 1:1), sowie natürlich das höchstdotierte Halbfinal-Spiel Deutschland – Südkorea (Anm.1:0), welches unter höchstem Druck ausgetragen wurde, da die Schiedsrichter und die FIFA arg in der Kritik standen nach den Spielen Südkorea gegen Italien und gegen Spanien.

In der Tat hätte die UEFA mich und generell die Schiedsrichter stärker schützen müssen und offensiver mit der Wahrheit in die Öffentlichkeit gehen sollen.

Norman Habenicht: Ein sehr negatives Erlebnis Ihrer Karriere waren die Anfeindungen englischer Fans, die Sie für das Ausscheiden bei der EM 2004 gegen Portugal verantwortlich machten. Haben Sie mittlerweile Ihren Seelenfrieden wiedergefunden, oder hängt einem das auch Jahre später noch nach? Werden Schiedsrichter grundsätzlich zu wenig geschützt?

© Sabine Grothues

© Sabine Grothues

Urs Meier: In der Tat hätte die UEFA mich und generell die Schiedsrichter stärker schützen müssen und offensiver mit der Wahrheit in die Öffentlichkeit gehen sollen. Es gab ja genügend Bilder, welche bewiesen, dass ich richtig gelegen war mit meinem Entscheid. Nach einer circa vier-monatigen Verarbeitungszeit, konnte ich das Ganze ad acta legen und sehe es heute als den größten Dienst, welche mir die englischen Boulevardmedien angedeihen ließen. Dass ich einen Bekanntheitsgrad erhielt, welchen ich sonst nie bekommen hätte und dadurch auch einen Vertrag mit dem ZDF erhielt.

Norman Habenicht: Sie haben die Urs Meier Management AG gegründet. Welche Tätigkeiten sind damit für Sie verbunden?

Urs Meier: Diese Aktiengesellschaft ging aus meiner vorherigen Tätigkeit als Inhaber eines Küchen- und Haushaltwarengeschäftes hervor. Heute bin ich vor allem mit Vorträgen für Führungskräfte in sämtlichen Sparten unterwegs. Dabei zeichne ich die Parallelen zwischen dem Fußball(-schiedsrichter) und der Wirtschaft, dem Privaten auf. Führungskräfte haben Entscheidungen zu treffen, sie müssen Persönlichkeit haben, Menschen mögen, Durchsetzungsvermögen, Mut und sie müssen echt sein, merkwürdig.

Bitte vervollständigen Sie folgende Sätze:

Weltmeister 2014 wird… Argentinien, weil sie unbedingt in Brasilien gewinnen wollen und weil Messi zeigen will, dass er der beste Fussballer der Welt ist.

Das Stadion mit der besten Stimmung… war immer in England, Schottland oder Irland.

Vom Videobeweis halte ich… wenn da die Torkamera gemeint ist: sehr viel, d.h. unbedingt notwendig, bei den anderen Beweisen Foul, Handspiel usw. mahne ich zur Vorsicht, sollten sie dem Schiedsrichter aber helfen, ihn unterstützen, dann bin ich mehr als dafür.

Als Spielerpersönlichkeit am meisten beeindruckt hat mich… Zinedine Zidan

Wenn ich selber Sport mache, dann… spiele ich Padel.

strich

Mehr zu Urs Meier im Internet:
Offizielle Webseite Urs Meier Management

strich
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