Musiker-Legende will mit Arbeit in der Hand sterben

Gunter Gabriel Beitrag

Kurzinfo Gunter Gabriel

Er ist eine absolute Stilikone im Musikbusiness – der deutsche Johnny Cash. Er lebt auf einem Hausboot, ist mittlerweile von Hamburg nach Berlin umgesiedelt. Er liebt die Freiheit, Frauen und natürlich die Bühne. Gunter Gabriel ist ein Unikat – unangepasst und frei. In seiner unnachahmlichen Art und Weise hat er mir in einem sehr interessanten Interview vom Wandel der Reeperbahn, seinem Faible für Underdogs und die verschiedenen Wege zu sterben erzählt.

Das Interview

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Norman Habenicht: Hallo, Herr Gabriel! Sie lebten viele Jahre auf einem Hausboot in Hamburg. Nun sind Sie nach Berlin umgezogen. Werden Sie etwa in diesem Leben noch eine richtige “Landratte”, oder bleibt das Boot? Was gibt Ihnen Berlin, was Hamburg Ihnen nicht bieten konnte?

Gunter Gabriel: Das Leben auf dem Boot wird bleiben. Es ist eine wunderbare alternative Form des Wohnens und Lebens, und bringt mich in eine Situation wie momentan: Standortwechsel? Null Problem. Ich brauche öfter als andere Menschen Veränderung – getreu dem Gedicht von Hermann Hesse: Nimm Abschied und gesunde. Mit Hamburg hat das nix zu tun – getreu Hilde Knef: Ich brauch Tapetenwechsel. Das ist alles. Hamburg ist meine Frau – und Berlin ist meine Geliebte!

Norman Habenicht: Freiheit und Mut sind zwei wichtige Begriffe in Ihrem Leben. Kann man diese Schlagworte auch als berufstätiger Familienvater in die Tat umsetzen?

Als Sechzehnjähriger lief ich mit großen Augen und offenem Mund über die Große Freiheit – die Music – Rock – Tony Sheridan – damals der King von St. Pauli – Fats Domino.

Gunter Gabriel: Zu allem brauchst du eine passende Frau – wenn sie ähnliche Prioritäten hat – dann: Herzlichen Glückwunsch! Dann geht immer alles.

Norman Habenicht: Sie waren viele Jahrzehnte in Hamburg unterwegs und kennen die Reeperbahn wie Ihre eigene Westentasche. Können Sie uns in etwa beschreiben, was sich im Laufe der Zeit auf der sündigen Meile verändert hat?

Gunter Gabriel: Als Sechzehnjähriger lief ich mit großen Augen und offenem Mund über die Große Freiheit – die Music – Rock – Tony Sheridan – damals der King von St. Pauli – Fats Domino. Es war neu – ich kam vom Land – meine damalige Freundin Gisela – der Hafen – die Herbertstrasse – die Sünde – erschreckend – neu – gefährlich. Heute lässt mich das kalt – bestensfalls die Theater interessieren mich noch – das Dock – das Zwick – ansonsten Hundertmark – der eine oder andere Chinese.

Norman Habenicht: Zur Weihnachtszeit haben Sie am Bahnhof Zoo ein Konzert für Obdachlose gegeben. Welche persönliche Intention steckt hinter einer solchen wohltätigen Veranstaltung?

Gunter Gabriel: Wohltätigkeit… das ist zu hochgegriffen. Ich singe grundsätzlich für Underdogs – zu Kurzgekommene – Jailbirds – alte Menschen – Stahlarbeiter – Feuerwehrleute – Trucker – es ist so in mir drin. Mein Herz leitet mich.

Norman Habenicht: Eines Ihrer Lebensmottos lautet: Machen statt meckern. War diese Philosophie der stärkste Antrieb, im Jahre 2007 Ihre “Wohnzimmer-Tour” zu starten? Zu der besagten Zeit waren Sie nahezu pleite und ließen sich für eine Gage von 1.000 Euro pro Auftritt für das heimische Wohnzimmer buchen.

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Gunter Gabriel: Das mit der Wohnungstour war ne echt spontane Idee, um zu zeigen, dass man für den Mist, den man verzapft hat auch irgendwie gerade stehen muss, und sich nicht einfach durch ne Insolvenz aus der Klemme retten sollte. Es ist auch da eine Grundhaltung – kein Gag oder so. Obwohl ich nicht wusste, was daraus wird. Mein Manager kündigte mir gleich nach der Sendung – meine vier Kinder schämten sich in Grund und Boden, und die Zeitungen bezeichneten mich als Bettelstudent. Herausgekommen ist eine Befreiung von den Schulden und ein Kinofilm-Projekt mit Uwe Ochsenknecht in der Rolle von mir.

Auf jeden Fall so, wie es ein italienisches Sprichwort sagt: Ich will sterben mit Arbeit in der Hand.

Norman Habenicht: Sie sind jetzt 71 Jahre jung, geben sich selbst noch etwa 10 Jahre auf der Bühne. Welche Ideen möchten Sie bis dahin gerne noch umsetzen, und was wäre zum Beispiel eine schöne Abschiedsveranstaltung, bei der Sie Ihren letzten öffentlichen Auftritt haben?

Gunter Gabriel: ich bin nicht 71 Jahre jung, sondern 71 Jahre alt. Das muss man schon mal klar sehen. Dass man noch relativ frisch im Kopf tickt ist auch Glücksache – auch möglich durch meine Lebensweise. Ich tue etwas, das mir gefällt. Ob das Schuheputzen ist, holzhacken, abwaschen oder Boot entrosten – von auf der Bühne stehen mal ganz zu schweigen. Aber – und das muss ich auch sagen – es gibt auch dunkle Stunden, Tage in denen Depressionen mich verrückt machen. Ich habe Psychiater, Astrologen, Ärzte – auch gute Freunde und – und das muss ich betonen – auch warmherzige und liebevolle Frauen. Aber ich nehme mein Leben an und werde sterben. Wo? In San Franzisco wie Kinski – oder Tahiti wie Gaugin – oder in Paris im Müllsack wie Lagerfeld. Auf jeden Fall so, wie es ein italienisches Sprichwort sagt: Ich will sterben mit Arbeit in der Hand.

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