“Die Jungs heutzutage sind aalglatt und zu wenig emotional”

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Kurzinfo Uli Borowka

Seine Karriere als Fußballprofi hat er längst beendet. Doch vergessen werden ihn die Fans nie – vor allem die des SV Werder Bremen. Uli Borowka war über Jahre hinweg eines der großen Aushängeschilder des Vereins, gewann mit den Grün-Weißen zwei Meisterschaften, holte zwei Mal den DFB-Pokal und errang den Europapokal der Pokalsieger. Vor knapp zwei Jahren machte der ehemalige Nationalspieler dann noch einmal Schlagzeilen. Der Grund: Er veröffentlichte ein Buch, in dem er offen über seine Alkoholsucht erzählt. Mehr über sein Buch, seine Sorgen um den SV Werder und die heutige Spielergeneration erfahrt ihr im folgenden Interview…

Das Interview

Norman Habenicht: Hallo, Herr Borowka! In Ihrer Laufbahn als Fußball-Profi kreuzten eine Vielzahl an Spielern und Trainern Ihren Weg. Welche Person hat Sie in den vielen Jahren am meisten beeindruckt und was sind die Gründe hierfür?

© Ripke

© Ripke

Uli Borowka: In erster Linie sind das für mich Jupp Heynckes und Otto Rehhagel. Sie sind nicht nur fachlich erstaunliche Persönlichkeiten, sondern auch charakterlich tolle Menschen, die trotz ihres stressigen und harten Profiberufs für mich immer Ihre Menschlichkeit bewahrt haben.

Die Jungs heutzutage sind aalglatt und zu wenig emotional. Das war früher anders und hat damals den Sport ausgemacht.

Norman Habenicht: Sie galten stets als eisenharter Verteidiger. Olaf Thon begrüßten Sie bei seinem Bundesliga-Debüt mit den Worten: “Ich brech´ dir gleich beide Beine.” Im modernen Fußball sucht man solche Typen – für mich persönlich – leider vergebens. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Uli Borowka: Es hat auch etwas mit der medialen Präsenz zu tun. Solche verbalen Scharmützel gehörten zu meiner Zeit einfach dazu. Typen wie Effenberg, Kahn, Basler findet man heute nicht mehr wirklich im Fussball. Die Jungs heutzutage sind aalglatt und zu wenig emotional. Das war früher anders und hat damals den Sport ausgemacht.

© Haberland

© Haberland

Norman Habenicht: Sie sind 6-maliger Nationalspieler, haben davon allein vier Einsätze bei der Europameisterschaft 1988 im eigenen Land absolviert. Doch dann kam Franz Beckenbauer und Sie wurden nicht mehr berücksichtigt. Nehmen Sie ihm das heute noch übel? Hat er dafür Gründe genannt?

Uli Borowka: In erster Linie war es meine eigene Schuld. Ich saß auf einem hohen Ross und habe nur wenig an mich herangelassen, auch keine Kritik. Es grenzte schon an Selbstüberschätzung und an Größenwahn. Die Fehler lagen allein bei mir. Grund waren meine damaligen Probleme, nicht Franz.

Norman Habenicht: Sie sind ein Bremer Urgestein, haben 10 Jahre lang die Knochen für den Klub hingehalten. Machen Sie sich momentan Sorgen um Ihren Verein oder lässt die Verbundenheit mit den Jahren nach?

Uli Borowka: Natürlich mache ich mir da Sorgen. Im Moment kann die Mannschaft froh sein so viele Punkte zu haben, wo auch immer die dann herkommen. Da liegt einiges im Argen und muss überdacht und überarbeitet werden. Vom Scouting bis hin zum Vorstand. In dem Verein steckt im Moment viel Arbeit. Werder hat diese Saison nicht ein einziges Spiel dominiert und wenn sich das nicht bald ändert, dann versinkt das Team in der Grauzone der Bundesliga.

Mir ist es dabei besonders wichtig den Menschen, auch anderen Sportlern, zu helfen, sich wieder in ein normales Leben einzugliedern.

Norman Habenicht: Vor etwas über einem Jahr haben Sie Ihre Autobiografie “Volle Pulle. Mein Doppelleben als Fußballprofi und Alkoholiker” auf den Markt gebracht. Wie war mit etwas zeitlichem Abstand betrachtet die Resonanz auf dieses Buch? Haben Sie auch persönliche Briefe und E-Mails erhalten? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang Ihr gegründeter Verein “Uli Borowka – Suchtprävention und Suchthilfe e.V.”?

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Uli Borowka: Mit so einer riesigen Resonanz haben wir persönlich alle nicht gerechnet. Seit Oktober 2012 sind tausende Briefe und Emails von Suchtkranken Menschen bei uns eingegangen. Menschen, die sich bedankt haben, dass ich so offen mit meiner Krankheit umgegangen bin. Einige haben dies als Anlass genommen sich fachliche Hilfe zu nehmen und so kam dann auch die Idee des Vereins Uli Borowka Suchprävention und Suchthilfe e.V.. Wir sind in ganz Deutschland unterwegs, von Justizvollzugsanstalten über Suchtkliniken, bis hin zu Fanprojekten. Mir ist es dabei besonders wichtig den Menschen, auch anderen Sportlern, zu helfen, sich wieder in ein normales Leben einzugliedern.

Norman Habenicht: Seit 2007 sind Sie selbstständig im Sportmarketing tätig. Wie gefällt Ihnen das neue Aufgabengebiet? Sehen wir Sie vielleicht – in welcher Funktion auch immer – auch irgendwann mal wieder auf der Bundesliga-Bühne?

Uli Borowka: Über viele Jahre hinweg habe ich auch Jugendmannschaften trainiert und gefördert, was aber in der letzten Zeit durch die viele Arbeit mit dem Verein und meinem Buch etwas in den Hintergrund geraten ist. Vielleicht komme ich in Zukunft wieder mehr dazu.

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